01 These 01 · 2025–2026

Anwendersoftware schrumpft. Was bleibt, ist anders.

Warum nicht der Code endet — sondern der Apparat dahinter.

Garry Tan — President & CEO von Y Combinator — schrieb Anfang Dezember 2025 auf X: „Zoho’s business would be first to be competed away by people building their own custom software built by people using @Replit @emergentlabs and @Taskade. Why pay $30/seat/month for over bundled SaaS when soon even nontech ops ppl can vibe-code a custom solution in a weekend?" Sridhar Vembu — Gründer von Zoho — konterte, Vibe Coding stapele technische Schulden schneller, als jemand sie zurückzahlen könne. Das war kein Streit über Zoho — das war ein Streit über die Kategorie.

Anwendersoftware schrumpft. Was bleibt, ist anders.

Anwendersoftware wurde zwei Jahrzehnte lang in einem Apparat hergestellt, der den Preis erklärte. Product Manager schrieben Tickets, Engineering schätzte, ein Sales-Team verkaufte den Zugang per Seat, Customer Success hielt die Kündigung auf. Der Käufer zahlte nicht für eine Datenbank mit Maske darüber — er zahlte dafür, sie nicht selbst bauen zu können.

Code war nur das Etikett. Zugang war die Knappheit. Reibung war keine Schwäche des Modells — Reibung war das Modell. Der Preis von 30 Dollar pro Sitz und Monat deckte nicht die Cycles, die ein CRM kostet; er deckte den Apparat, der zwischen einem Bedürfnis und seiner Erfüllung stand. Solange dieser Apparat die einzige Brücke war, war jede Bewertung in dieser Branche eine Bewertung der Brücke, nicht der Software.

KI trifft Software zuerst, weil sie alle vier Bedingungen gleichzeitig erfüllt, die kein anderes Gewerbe in dieser Dichte hat. Ein einmal geschriebenes Modul kostet bei der millionsten Kopie nichts. Software-Käufer adoptieren früh, ohne sentimentale Bindung an ihren letzten Vendor. Programmiersprachen sind formaler, regelhafter, näher am Token-Strom eines LLM als ein Röntgenbild oder ein Tragwerksmodell. Und vor allem: KI kann ihren eigenen Output kompilieren, testen, debuggen, neu schreiben — in einer geschlossenen Schleife, ohne Menschen im Pfad. In Medizin, Recht, Architektur fehlt dieser Rückkanal; dort bleibt der Mensch der einzige Verifikationsserver. In Software schließt sich die Schleife — bei der KI wie beim Käufer.

Eine Ops-Mitarbeiterin baut sich am Wochenende, was vorher ein Vendor-Ticket war. Tech-Schuld stapelt sich, das ist messbar — und sie wird teurer, je länger sie steht. Aber das verteidigt nicht das Produkt; es verteidigt den Apparat. Dass die Debatte überhaupt zwischen einem YC-CEO und einem SaaS-Gründer stattfindet, ist der Beleg, nicht die Auflösung.

Verschoben wird dadurch nicht der Preis, sondern die Käuferidentität. Wer Software einkauft, weil er sie nicht selbst herstellen kann, gehört zu einer Kategorie, die schrumpft — und mit ihr schrumpft die Vertriebsorganisation, die diese Kategorie bedient. Was für Anwendersoftware gilt, gilt für jede Vermittlung, die zwischen Bedürfnis und Erfüllung steht.

Wenn Ihr nächster Kunde keinen Account Executive sprechen wollte — was würden Sie ihm verkaufen?
02 These 02 · 2025–2026

Aggregatoren schrumpfen. Was bleibt, sind die Daten.

Warum nicht das Vergleichen endet — sondern der Vergleichende dazwischen.

Tripadvisor meldete am 12. Februar 2026 die Quartalszahlen — die Aktie fiel zweistellig. CEO Matt Goldberg im Earnings-Call: „ongoing declines in flyby visitors to our site due to the changing search landscape and the rise of AI overviews". Eine Woche später Booking-CEO Glenn Fogel: „I am positive we are in a very good position". Das war kein Streit über zwei Quartale — das war ein Streit über die Kategorie.

Aggregatoren schrumpfen. Was bleibt, sind die Daten.

Aggregatoren waren das Geschäftsmodell der Suchmaschinen-Ära. Eine Schicht zwischen Frage und Antwort: Hotels, Flüge, Software, Anwälte, Ärzte. Sie ordneten, was sie nicht besaßen — und nahmen dafür die Marge. Pariser Passagen waren das Vorbild dieser Logik: gedeckte Gänge, in denen Vergleichen erst möglich wurde.

Das ändert sich jetzt nicht, weil die Frage verschwindet. Sondern weil die Sortierung dazwischen verschwindet. Wer ein Hotel sucht, fragt nicht mehr eine Liste, sondern ein Sprachmodell, das die Liste schon gelesen hat. Die Antwort kommt aus der Datenquelle direkt — die Vermittlung selbst wird übersprungen.

Die Schicht wird nicht durchlaufen, sie wird umgangen. Wer Daten hatte, ist kein Vermittler mehr — er ist eine Datenbank. Bloomberg, MLS, GitHub überleben, weil sie eigene Daten besitzen, die niemand sonst hat. Tripadvisor besaß keine Hotels, sondern Sortier-Logik über fremde Hotels. Die Frage ist nicht, ob ein einzelner Aggregator das nächste Quartal übersteht — sondern ob die Schicht selbst noch eine Funktion hat.

Was bleibt, sind die Daten. Die Sortierung dazwischen war Übergang.

Welcher Teil Ihres Umsatzes hängt heute daran, dass jemand bei Ihnen vergleicht — und nicht woanders die Antwort bekommt?
03 These 03 · 2025–2026

Software wird Commodity. Daten nicht.

Warum nicht der Code der Burggraben war — sondern was darin steht.

Sebastian Siemiatkowski, CEO von Klarna, schrieb am 3. März 2025 öffentlich: „So no, we did not replace SaaS with an LLM, and storing CRM data in an LLM would have its limitations." Ein Jahr vorher hatte dasselbe Unternehmen angekündigt, Salesforce zu ersetzen. Das war keine Software-Frage — das war eine Korrektur darüber, was sich verteidigen lässt.

Software wird Commodity. Daten nicht.

Was Daten wertvoll macht, ist nicht ihre Menge. Eine Transaktion gehört einem Konto, ein Patient einer Akte, ein Trade einer Uhrzeit — Identität, die sich nicht zweimal vergeben lässt. Code dagegen ist beliebig kopierbar; ein zweites Original kostet nichts. SOX, MiFID, HIPAA schreiben Audit-Spuren vor, die sich nicht rückwärts herstellen lassen. Zehn Jahre Handelshistorie lassen sich von keinem Modell in zehn Tagen herstellen.

Was Klarna stattdessen aufbaute, war nicht die LLM-CRM-Vision aus den Schlagzeilen — sondern ein eigener Datenspeicher auf Neo4j, mit einer neuen App-Schicht darüber. Der LLM ersetzte nicht das CRM. Er las den eigenen Bestand.

Im Dezember 2025 schloss Databricks die Series L bei 134 Milliarden Dollar Bewertung. Im selben Quartal verlor Salesforce ein Viertel seiner Bewertung. Die Datenschicht gewinnt, die Anwendungsschicht verliert — gleicher Zeitraum, gegenläufige Kurve. Wikipedia ist trotz Milliarden Datensätzen nicht verteidigbar — weil scrapebar, weil öffentlich, weil austauschbar. Der Steuerberater, der seine Mandanten seit zwanzig Jahren betreut, sitzt auf einem Datenschatz, der nicht replizierbar ist — gerade weil er nie digitalisiert wurde. Daten sind kein Burggraben. First-Party-Daten — eindeutig, reguliert, akkumuliert — sind ein Burggraben. Das ist nicht dasselbe.

Wenn der Bestand das einzig Nicht-Replizierbare ist, dann ist das Modell, das ihn liest, austauschbar.

Welche Daten in Ihrem Unternehmen sind bereits scrapebar geworden — ohne dass Sie es bemerkt haben?
04 These 04 · 2025–2026

Modelle werden Strom. Was bleibt, ist die Frage, wem das Netz gehört.

Warum die Erzeugung commoditisiert — und das Netz nicht.

Am 20. Januar 2025 veröffentlichte das chinesische Labor DeepSeek sein R1-Modell. Eine Woche später, am 27. Januar, verlor NVIDIA rund 600 Milliarden Dollar Marktwert — der größte Tagesverlust einer einzelnen Aktie in der US-Geschichte. Das war kein Crash — das war ein Preissignal.

Modelle werden Strom. Was bleibt, ist die Frage, wem das Netz gehört.

Sam Altman reagierte nüchtern auf X: „deepseek’s r1 is an impressive model, particularly around what they’re able to deliver for the price." Genau das war die Pointe — nicht die Modellgüte, sondern der Preis. Modelle sind zu Stromerzeugern geworden — sie konkurrieren über Kosten, nicht über Charakter.

Was 2023 noch wie ein Wettbewerbsvorteil aussah — Trainingsdaten, GPU-Cluster, Forscher-Talent — ist allgemein verfügbar geworden. Open-Weight-Modelle holen die Frontier-Labs in Monaten ein, nicht in Jahren. Die Lernkurve ist öffentlich. Replikation ist nur noch eine Frage der Compute-Rechnung.

Ben Thompson nannte Hyperscaler und Chip-Hersteller Anfang 2026 die „arms dealers" dieses Marktes — sie verdienen am Training, am Hosting, an der Inferenz. Der Schichtenkuchen verschiebt sich nach unten. Wer heute noch Margen sucht, findet sie nicht mehr im Modell — sondern in der Infrastruktur darunter und der Anwendung darüber. Das Modell selbst wird zum austauschbaren Mittelteil.

Drei Dinge commoditisieren in diesem Tempo nicht. Inference-Skala ist eine Infrastruktur-Wette, kein Trainingslauf. Spezialisierte Domänen — Medizin, Recht, Finanzen — verlangen Verifikation stärker als Generierung. Und der Energie-Bedarf wächst weiter: NVIDIA fiel an einem Tag, die Strom-Rechnungen der Hyperscaler zeigen seither nach oben. Chamath Palihapitiya formulierte den Widerspruch im April 2026 im All-In Podcast schärfer: Sei AGI real, verlören die meisten heutigen Firmen ihre Überlebensfähigkeit; sei sie es nicht, stelle sich die Frage, warum dieselben Firmen dreistellige Milliardenbeträge einsammelten. Beides zugleich könne nicht stimmen.

Die Frage ist nicht mehr, wer das beste Modell baut. Die Frage ist, wer den Anschluss kontrolliert — und wer die Verträge schreibt. Wer heute ein Modell wählt, wählt einen Infrastrukturanbieter — nicht anders als ein Unternehmen vor zwanzig Jahren seinen Strom- oder Telekomanbieter gewählt hat.

Welches Modell Sie heute einsetzen — werden Sie es in zwölf Monaten noch wissen?
05 These 05 · 2025–2026

Das Frontend fällt. Was bleibt, ist der Anschluss.

Warum Headless keine Architektur-Mode ist — sondern das Geschäft.

Salesforce hat im Frühjahr 2026 „Headless 360" angekündigt — eine Variante seiner Plattform, die ohne eigenes Frontend auskommt. Daten, Workflows und Logik bleiben; das Interface wird optional. Das war keine Innovation — das war ein Eingeständnis darüber, wo das Geschäft inzwischen sitzt.

Das Frontend fällt. Was bleibt, ist der Anschluss.

Headless beschreibt, was passiert, wenn Anwendersoftware, Aggregator und Modell ihre Mitte verlieren. Eine Telefon-Vermittlungsstelle um 1900 war auch eine Mitte: Jedes Gespräch lief über einen Stecker, eine Hand, einen Saal. Die Vermittlung verschwand, sobald der direkte Anschluss möglich war. Das Geschäft war nie der Saal. Es war der Anschluss.

Die technischen Stecker sind inzwischen da. Anthropic hat mit MCP Ende 2024 ein offenes Protokoll veröffentlicht, mit dem KI-Modelle direkt auf Datenquellen und Tools zugreifen. OpenAI hat am 6. Oktober 2025 das Apps SDK nachgelegt — Anwendungen, die im Modell laufen, ohne eigene Oberfläche. Wer den Anschluss hat, braucht das Interface des SaaS-Anbieters nicht mehr.

Ein headless Nachrichtendienst mit MCP-Endpoint liefert beim Browser-Aufruf eine Antwort in rund fünf Sekunden — Rendering, Layout, Frontend. Beim direkten Modell-Aufruf: unter 100 Millisekunden. Der Inhalt ist identisch. Was fehlt, ist alles, was vorher das Produkt war.

Das heißt nicht, dass jedes SaaS morgen verschwindet. Eine Versicherung schreibt ihre Bestandsführung nicht neu, weil ein Pitch-Deck eine schnellere Pipeline zeigt. Bestandsdaten sind über Jahrzehnte gewachsen, jede Zeile ist im Audit zugeordnet. Trägheit ist hier kein Versäumnis, sondern Funktion. Aber an der Kante — Marketing, Sales, Service, Knowledge — fällt das Frontend zuerst.

Mike Krieger ist seit 2024 Chief Product Officer bei Anthropic. Was er dort baut, wird in der nächsten These zur Pointe. Was bleibt, wenn das Interface optional wird, ist nicht das bessere Frontend — es ist die Frage, an wen die Pipeline anschließt. Diese Frage stellen die wenigsten Organisationen, weil sie noch glauben, ihr Produkt sei das Interface.

Welche Pipeline in Ihrem Unternehmen läuft heute noch über ein Interface — und müsste es nicht?
06 These 06 · 2025–2026

Die Mitte fällt. Was bleibt, sind Ränder.

Warum „Überleben" die falsche Frage war.

Mike Krieger trat am 14. April 2026 aus dem Figma-Board zurück. Drei Tage später launchte Anthropic Claude Design — Krieger ist dort seit 2024 Chief Product Officer. Die Figma-Aktie verlor am Launch-Tag sieben Prozent, Adobe anderthalb. Dylan Field, CEO von Figma, schrieb in der Erklärung an die Aktionäre, Krieger sei „not consistently candid in their communications" gewesen — ein Satz, der in einem 10-K nichts verloren hat.

Die Mitte fällt. Was bleibt, sind Ränder.

Es gibt ein Muster, das sich in fast jeder Disruption wiederholt: Die bedrohten Unternehmen investieren massiv in genau die Technologie, die sie bedroht — und beschleunigen damit ihre eigene Obsoleszenz. Adobe baut Firefly in Photoshop ein und legitimiert damit Bilder-per-Prompt. Salesforce schickt Einstein und Agentforce ins Feld und gewöhnt seine Kunden an ein CRM ohne menschliches Interface. Figma launcht „AI Make" und erodiert die eigene Differenzierung. Google schaltet AI Overviews und zerstört das Zehn-blaue-Links-Modell, das den Konzern trug. Die Krieger-Geschichte ist nicht der Bruch. Sie ist die sichtbare Stelle, an der das Muster zur Person wird.

Wer überlebt, sitzt oben oder unten — nicht in der Mitte. Oben sitzt die Schicht, die integriert: Modell-Anbieter mit eigenem Frontend, Claude Design als ein Beispiel von vielen. Unten sitzt das System of Record — Compliance, Audit, Vertrag, Vertrauen, Haftung. Dazwischen lag bisher die Anwendungssoftware, die fremde Daten organisierte. Diese Schicht fällt, weil das Modell sie organisieren kann. Wer in dieser Mitte sitzt, baut nicht gegen einen Wettbewerber. Er baut gegen die Schicht, die ihn integriert hat. Die Mitte fällt nicht, weil sie schlecht ist. Sie fällt, weil sie absorbierbar ist.

Das Markt-Echo ist kein Geräusch mehr. Im ersten Quartal 2026 wurden rund zwei Billionen Dollar an Software-Marktkapitalisierung gelöscht. Der iShares IGV verlor bis Ende April rund zwanzig Prozent. Salesforce gab ein Drittel ab, Adobe zweistellig, Atlassian markierte im Februar 2026 ein 52-Wochen-Tief, Chegg fiel unter einen Dollar und erhielt im Dezember 2025 die NYSE-Non-Compliance-Mitteilung. Revenue-Multiples, die jahrelang bei fünfzehn bis zwanzig standen, kalibrieren sich auf fünf bis sechs. Das ist keine Korrektur. Das ist eine Re-Bewertung der Frage, was Software wert ist, wenn Software billig wird und Daten teuer bleiben.

Wer am Rand sitzt, sitzt anders. Bloomberg verkauft keine Terminals — Bloomberg verkauft Verträge, deren Kündigung Compliance-Folgen hätte. Compliance-SaaS in regulierten Industrien verkauft keine Software, sondern Haftungsübernahme. Möglicherweise ist es am Ende keine Frage der Technologie, sondern der Verträge.

Die fünf Thesen vorher haben gefragt, was bleibt — die Daten, der Anschluss, das Netz. Das war zu freundlich gestellt. Die richtige Frage am Ende dieses Papers ist nicht, was bleibt, sondern was an Ihrer Stelle integriert wird, wenn Sie nicht selbst integrieren. Krieger ist nicht das Ende von Figma. Sein Wechsel ist der Moment, an dem sichtbar wird, dass „Konkurrenz" das falsche Wort war. Es war nie ein Wettbewerb. Es war eine Schichtfrage.

Welcher Teil Ihres Produkts ist die Schicht — und welcher Teil wird gerade von ihr absorbiert?
01 / 08